"Jedes Blatt hat brennende, balladische Momente einer ganz fremdartigen Schönheit, und Gefühl nicht deutlich zu unterscheiden vermag, wem es eigentlich diesen exotischen, wie Rosenöl und Haschisch betäubenden Duft zu danken hat, dem Dichter Robakidse oder Georgien selbst, so gibt es sich dem Neuartigen gefangen".

Stefan Zweig



Platon läßt Sokrates, während dieser mit Glaukon diskutiert ("Politeia", 6 Buch), sagen: "Das Gesicht ist nicht Sonne, weder es, noch dasjenige, dem es innewohnt, von uns Auge genannt. Aber das Sonnenartigste, denke ich, ist es gewiß von allen Organen der sinnlichen Wahrnehmung". Plotin, der spätere Nachfolger Platons, prägt: "Das sonnenhafte Auge". Viel später noch äußert Goethe in einer Verszeile: "Wär' nicht das Auge sonnenhaft, die Sonne könnt´es nie erblicken". Sokrates setzt im selben Gespräch weiter fort: "Sie, die Sonne, ist nicht Ge-Sicht, aber die Ursache davon, und wird von ihm gesehen". In seiner Lehre über das Licht sagt Goethe im Grunde dasselbe: das Auge erwachse dem licht. Im ganzen eine bis ins Plasma des Sich-bildenden-Seins treffende Einsicht, deren eigentlicher Urheber Platon ist: der "Göttliche".

Nun vernehme man die georgische (kharthwelische) Sprache nach Jacques de Morgan, "L´Humanite prehistorique", eine der vier Ursprachen der Welt; neben der baskischen, etruskischen, hethitischen. "Schauen" hat dort in der Wurzel "Sonne": "mse"-"msera". Die Einsicht der großen Drei wird hier zum ontischen Bild. Das Auge ist bei den Georgien mehr als "sonnenhaft": es ist die Sonne selbst.

Während des Reifens der Weintrauben pflegt der georgische Winzer zu sagen: "Das Auge ist in die Traube eingegangen". Mit dem "Auge" meint er hier die Sonne. Platon meditiert über das Auge, Plotin stempelt es als "sonnenhaft", Goethe urteilt über dasselbe. Der georgische Winzer dichtet: bringt es zum Bild, und zwar im Geschehen und somit zum Mythos. Die Schau wird hier zur sonnerfüllten Weintraube selbst.

Die Sonne erscheint in Georgien als Inbegriff des Lebens schlechthin. Sie brennt: ist Feuer. Wie wäre Heraklit von Ephesos überrascht und erfreut gewesen, hätte er gewußt, das im Georgischen "Leben" und "Feuer" im Wurzelstamm einander entsprechen. Das Leben brennt. Das Pferd, das feurige von allen Lebewesen, hat in seiner georgischen Benennung den Wurzellaut vom Feuer. Noch merkwürdiger: "Besen" scheint im Georgischen eine gewisse Verwandtschaft mit Feuer zu haben. Vielleicht ist hier das reinigende Element des Fegefeuers angedeutet. Was reinigt, macht heil: gesund. "Rein" und "Heil" sind georgisch identisch.

Identisch sind im Georgischen auch der Reine und der Heilige. Reinigen bedeutet bei den Georgiern: "Festigen". Was "rein" ist, ist "fest", urteilen die Georgier. Festsein meint: Ganzsein. Kommt das "Feste" aus dem "Reinen" und ist das "Rein" identisch, dann ist anzunehmen, daß "Heil" und "Ganz" dasselbe sind: und im Georgischen ist es auch so.

Man sieht, daß hier hinter jeder wesenhaften Erscheinung die Sonne wurzelt. Sie ist es, die das Sein durchbildet. Diese Durchbildung wird vom Auge erschaut, das mit der Sonne wesensgleich ist. Daher eine besondere Auffassung der "Farbe" bei den Georgiern. Diese ist für die Georgier nicht bloß "Eigenschaft", sondern das Element selbst. Will der Georgier das Wort "Alles" gebrauchen, so sagt er: "qwelapheri", das heißt: alle Farben. Wenn er dagegen das Wort "Nichts" anwendet, sagt er :"arapheri", das heißt: keine Farbe. Manchmal verwandelt er hier das "Was" in das "Wie". Er fragt zuweilen nicht: wie hast du es gemacht - er fragt: wie "Farben" hast du es gemacht.

Der Sonnenblick in einer Erscheinung wird zu deren Wesensbild. Je stärker, desto prägnanter. Daher die tiefe Bedeutung, die im Georgischen das Wort "Ssache" = Antlitz hat. Es ist mehr als "Visage": unter den Antlitz versteht der Georgier das Strahlbild des Wesens. Es ist mir keine andere Sprache bekannt, in der Gott so angesprochen wird: "O schen ssachiero!" = Oh Du, Antlitzhafter! Bei den Georgiern kommt das immer vor. Was Antlitz hat, ist göttlich so urteilen die Georgier. Selbst die Person wird in Georgien von der Sonne bestimmt. Statt der Bekräftigung "bei Gott" sagt man dort "bei deiner Sonne". Hier ist auch das persönliche Fürwort zu beachten: nicht einfach "bei Sonne", sondern "bei deiner Sonne": als hätte jedes Menschenwesen seine eigene Sonne. In dem berühmten epischen Werk von Schotha Rusthaveli "Der Mann im Pantherfell" (12. Jh.) tröstet die Heldin Nestan ihren Geliebten Tariel aus dem Kerker: "Die Sonne wird ohne dich nicht sein, weil du ihr Teil bist - Wahrlich wirst du mit ihr zusammen sein als ihr ungetrübtes Sternbild - Da sehe ich dich, da bilde ich dich mir als sie". Mit diesem "da" meint die Heldin das lichte Reich der Gestirne. In der letzten Zeile ist auch zu beachten, daß hier - "da sehe ich dich, da bilde ich dich" - nicht schlicht die Zukunft gemeint ist, sondern das Immerwährende. Das georgische Verbum nämlich hat eine feine Wendung für das ewig Beginnende.

Allem Anschein nach haben die Georgier in der Uhrzeit die Sonne als lebensbildendes Wesen mythisch erfaßt und kultisch verehrt. Versenkt man sich verweilend tief in die Sonnenschau, welche die Welt der Georgier so mannigfach durchbildet, wird man den Spuren jenes Zeitalters nachtasten, das in allen Überlieferungen als "golden" genannt wird. Statt "goldenes Zeitalter" gebrauche ich "Goldene Zone" (des Seins). Seit Hesoid stellt man sich den Wechsel der Zeitalter historisch vor: erst lebte man, so wird angenommen, im Goldenen Zeitalter, dann im Silbernen, dann im Kupfernen, dann im Kupfernen, dann im Eisernen. Diese Reihenfolge verstehe ich anders. Die Sinnbilder - das Goldene, das Silberne, das Könnte als golden oder als silbern oder als kupfern oder als eisern bezeichnet werden, je nachdem, wie weit in ihm eines von diesen Sinnbildern sich als vorherrschend behauptet. Jeanne d´rc zum Beispiel: sie gehört ihrem Wesen nach ins Zeitalter des Goldes, wiewohl sie in unserem Zeitalter lebte.

Das Kennmal der Goldenen Zone: man lebt hier sonnenhaft. Sonnenhaft leben heiß: innerlich bereit sein, sich gleich Sonne zu verschenken, und dieses wiederum bedeutet: Mut zum Sein haben. Wer diesen Mut hat - nicht zu vergessen: das Sein ist Glück und Gefahr in einem - der allein vermag des Schicksal innezuwerden. Das Schicksal schlägt ihn nie: es bricht in ihm wie seine ihm innewohnende Kraft aus. Und siehe: Mut, Schicksal, Glück stemmen im Georgischen von ein und demselben Wort: "bedi".

In der Goldenen Zone lebt man, wie man beschaffen ist: nach eigener Art und Kraft. Daher dort die sakrale Ordnung: Hierarchie. In Georgien war das Leben so geordnet. Hier nur einige Beispiele. Ich kann die Hand einer Frau küssen, und in jeder Sprache habe ich das Wort dafür. Georgisch heißt es: "kozna". Ich darf aber die heilige Jungfrau - eigentlich ihr Bild - nicht küssen, dafür brauche ich ein anderes Wort, und die georgische Sprache gibt es mir: "ambori". Oder: ich kann in einem Hause singen, in der Bethalle aber nicht. Für den ersten Fall haben sie das Wort "simghera", für den zweiten "galoba". Oder auch: Die heilige Schrift soll andere Buchstaben haben denn die weltliche. Die Georgier haben beides. Dann noch: ich kann einen Menschen "Herr" nennen, nie aber Gott. Um die hieratische Zäsur hier zu setzen, gebrauchen die Georgier zwei verschiedene Worte: "batoni", wenn es sich auf den Menschen bezieht, und "uphali", wenn auf Gott. Und das Erstaunliche: das Wort "Macht" wird im Georgischen nicht von "batoni" abgeleitet, sondern von "uphali". Die "Macht" - wohlgemerkt: die echte - ist also sakraler Natur. Und endlich das Überwältigende: "Kaiser" heißt georgisch wörtlich: Handreife. Was bedeutet es? Man muß reich sein, um zu schenken: man muß mächtig sein, um sich zu wehren: man muß begnadet sein, um zu segnen. Man vergegenwärtige sich die Bedeutung der Hand in der Kulturgeschichte, man denke auch an die Verleihung der Weihe durch die Handauflegung. Rene Guenon übersetzt das arabisch - hebräische Wort "barakah" als "influence spirituelle". Auch in Georgischen taucht dieses Wort auf, und gerade in Verbindung mit der Hand. Ja, im Wortbild DER HANDREIFE ist die ganze Konzeption des "Priesterkönigs" plastisch zum Ausdruck gebracht.

Auf dem Dwali - Berg - erzählt eine georgische Sage - saßen von Zeit zu Zeit die Könige. Sie bemühten sich, einen vom Himmel fallenden Stern aufzufangen, um mittels dessen das Geschick ihrer Völker auf rechte Weise zu lenken. Eine pyrenäische Gralvariante lautet: der Gral sei ein Stein, aus der Krone des gestürzten Luzifers - Lichtträgers - abgefallen. Die Könige der georgischen Sage, scheint es, wollten diesen Stein - d.h. den Gral - in die Hand bekommen. Der Sinn der Sage leuchtet hier klar auf: der Herrscher soll seine irdische Macht durch die Himmelskräfte nähren und festigen. Die Kraft des Himmels erscheint hier im Bilde des fallenden Sterns.

Eine andere Sage setzt die erste weiter fort. Auf demselben Dwali - Berg hatte Königin Thamar (1184 - 1212) einen Schrein, in dem ein im Fallen aufgefangener Stern ruhte. Einmal, als die Königin auf der Reise war, näherte sich ihre Magd dem Schrein, öffnete ihn, und: jäh flog der Stern in den Himmel zurück. Hier wird angedeutet: erstens, der Unbefugte darf das Symbol der sakralen Herrschaft nicht anrühren, und zweitens, der Herrscher soll fortwährend darauf bedacht sein, daß er die Macht nicht aus der Hand verliert.

Dieser Auffassung der Herrschaft waren sich die Georgier nicht nur mythisch bewußt. In dem bedeutsamen Werk von Giorgi Mercule (10. Jh.) "Das Leben des heiligen Grigol Chandstheli" wird behauptet: Gott habe die Könige zur Verwaltung der Welt eingesetzt. Königin Thamar äußert: "Der königliche Thron ist mir beglaubigt worden - erst von Gott und dann von meinen Eltern".

Das Reich war für die georgischen Herrscher das Heilige Reich. Es war für sie eine überaus strenge Aufgabe, die sie sich stellten. Es ist anzunehmen, daß sich die Herrschaft der georgischen Könige in der Geschichte ihres Landes als bildende Strahlkraft erwiesen hat, wenn gleich nicht immer.

Nach der zur Mythe werdenden Aussage des georgischen Winzers - "Die Sonne ist in die Traube eingegangen" - kann man wohl annehmen, daß den Georgiern die Mythenbildung in reichem Maße eigen ist.

"Es hat sich nie ereignet, es ist aber immer", so äußert sich der römische Autor Sallust (86 - 94 v. Chr.) über die Attis - Mythen. "Es hat sich nie ereignet" bedeutet: es war nicht ein historisches Geschehen. "Es ist aber immer" meint: es geschieht immerdar metahistorisch. Jahrhunderte vor Sallust hat der georgische Genius dasselbe traumhaft angestreift. Jede georgische Mär beginnt: "Es war und es war nichts, was wäre besser denn Gott, es war eine Prinzessin". Prinzessin als Beispiel. Beide Aussagen treffen genial in den Kern des mythischen Geschehens, indem sie das Immer - währende denken. Sallust sieht es als Augenblick in zeitlicher Kurve. Die Nuance verdeutlicht das mythische Geschehen.

Hegel sagt: "Die Sprache - gemeint die deutsche - "hat im Zeitwort SEIN das Wesen in der vergangenen Zeit gewesen erhalten, denn das Wesen ist das vergangene, aber zeitlos vergangene sein". In der georgische Sprache wird es noch treffender angedeutet. Dort wird das Vergangene zweifach gebildet: einmal als das für immer Verschollene: "qophili", einandermal als das "gewesen" - Währende: "naqophi". Und das Erstaunlichste: "naqophi" ist der Name der "Frucht"! Ich wüßte in der Welt kein anderes Wort, das derart sinnvoll wäre wie dieses "naqophi".

"Naqophi": das gewesen -Währende: die Frucht. Die Bezeichnung diese Mythen durchfasern real das Leben in Georgien. So erwächst etwa die Mythe der Waldgöttin Dali dort unmittelbar aus der Wirklichkeit:

Bei dem Bergstamm der Swanen, den Vettern der Georgier, ist die Jagd eine Art Opferhandlung, besonders die auf Steinböcke. Es geschieht bei ihnen von Zeit zu Zeit etwas Seltsames. Irgendein Jäger verliebt sich in die Göttin Dali, verliebt sich mit allen Sinnen. Er ist schon von Sinnen: "dalelukdune" der von Dali Wahnergriffene. Die Sehnsucht nach der Göttin ist ihm zum unstillbaren Feuer geworden. Verwildert irrt er im Walde herum, um der Ersehnten zu begegnen. Einmal begegnet der "Dalelukdune" der Schönen. Diese läßt sich von ihm lieben. Doch unter einer Bedingung: er darf nie mehr eine sterbliche Frau berühren. Auf welche Bedingung würde er nicht eingehen? Er ist beglückt. Der Wahnergriffene, immer noch an der Wirklichkeit hängend, ist nicht imstande, das sakrale Gelübde dauernd zu halten. Er verletzt es eines Tages. Da rächt sich der Verrat. Wiederum geht er in den Wald, die Geliebte zu trafen. An einer Biegung sieht er den Weißen Steinbock, das auserwählte Tier der Jagdgöttin, grasen. Das heilige Tier des Stammes äst allein. Am Rande eines Abgrunds zeigt sich plötzlich der Bock als Dali und verschwindet augenblicks. Der Jäger, vom Treffaugenblick urweltlich scharf betroffen, eilt ihr nach und - stürzt in den Abgrund.

So die Mythe ( meine deutsche Leser wissen, daß sie meinem Roman "Ruf der Göttin" zugrunde liegt).

Unwillkürlich denken wir an die Artemis der Griechen oder an die Diana der Römer. Doch welch ein Unterschied, dem inneren Sinne nach, zwischen der griechisch - römischen Mythe und der georgischen! Aktation, der Jäger, sieht einmal die Göttin, umringt von Nymphen, im Flußebaden. Als er, von ihrer nackten Schönheit berückt, ihrer, wie vom Wahnsinn befallen, begehrt - verwandelt ihn die Schöne in einen Hirsch, den seine eigenen Hunde zerreißen. Die Hunde verkörpern seine Begier. Der Sinn der Mythe ist klar: ein Sterblicher, den es nach der Göttin gelüstet, ist Frevler, ist todgeweiht. Wie anders die georgische Mythe! Sie weiß auch, daß der Jäger sterblich ist, und als solcher kann er die Göttin, die Unsterbliche, nicht erreichen. Zugleich aber weiß sie, daß er, wiewohl von Gott abgefallen, seiner göttlichen Herkunft nicht ganz verlustig gegangen ist. Gewiß weist in ihm nicht mehr das Paradiesische - es glüht aber immerwährend in seiner sehnsüchtigen Rückerinnerung. Ahnungsvoll schaut er rückwärts in den Garten Eden und schmeckt das Verlorene im Bilde. In der Liebe ist dieses Bild: Dali, (Beatrice, Laura, und die "Herrin" in der mittelalterlichen Minne.) Schimmert es nicht durch jede Liebesbegegnung? Die Göttin sagt: der Jäger könne sie lieben, er dürfe aber nie mehr die sterbliche Frau berühren. Das besagt: Liebende muß in der sterblichen Geliebten ihr unsterbliches Bild lieben, mythisch ausgedrückt: Dali. Verfällt er sinnlich dem vergehenden Element der Geliebten, zerstört er dieses Bild und sich selbst. Er richtet sich zugrunde.

Als Vollendung des georgischen Weltbildes erscheint das Symbol des Weinrebenkreuzes: Bewegt von höherer Eingebung, traf eine Jungfrau aus Kapadokien, namens NINO. In Georgien ein. Das geschah im 4. Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts. Sie war es, die die Georgier zum Christentum bekehrte. Aus Weinreben schnitt sie das Kreuz und umwickelte es mit ihrer Haaren. Das Kreuz war immer aus Holz oder aus Eisen gemacht, ebenso aus Stein. Hier aber haben wir ein Kreuz aus Weinreben geschnitten und mit den Haaren der Bekehrerin umwunden. Hat es etwas zu bedeuten?

Dem Gottessohn entspricht mythisch - sei es vorausgeschickt - die Sonne. Nun denken wir zurück an die Worte des georgischen Winzers, die er während des Reifens der Weintrauben zu sagen pflegt: "Das Auge ist in die Traube eingegangen". Wobei das "Auge" die "Sonne" meint. In dem Fall des Weinrebenkreuzes übertragen, würde es heißen: der Gottessohn ist in die Weinrebe eingegangen, und zwar als der Leidende. (Es gibt, nach Bachofen, auch die "leidende Sonne"). Das Leiden des Gottessohnes wächst hier gleichsam aus der Weinrebe, dem rauschvollsten Sprößling der Erde. Es soll also nicht einfach als "Qual" aufgenommen werden, sondern als das durch Selbstopfer vollzogene welterlösende Ereignis. Dabei erscheint die Erde als bildsame Empfängerin der Logoskräfte. Daß das Kreuz mit den Haaren der Jungfrau umwickelt ist, weist auf die jungfräuliche Empfängnis hin.

Dieses Kreuz - Segen und Heil Georgiens - ruht heute, nach vielen Odysseen, in der Ssion - Kathedrale der Hauptstadt Georgiens: TBILISSI



Atlantis, 33. Jahrgang, No. 10, Oktober 1961, Zürich

Schota Rustaweli (* etwa 1172 in Rustawi, Georgien; † etwa 1216 in Jerusalem) war ein georgischer Dichter und einer der bedeutendsten Literaten des Mittelalters.

  "Die georgische Literatur zählt zu den größten, reichsten und am besten entwickelten Literaturen der Welt."

Heinz Fähnrich, deutscher Kaukasiologe, 1981


"In einem Volk mit weniger als vier Millionen Sprechern, wird man kaum eine bedeutende literarische Tradition vermuten. Es ist umso erstaunlicher, dass die georgische Literatur zu den reichsten, und ausgereiftesten der Erde zählt."

Donald Rayfield, Professor für Russisch und Georgisch, Universität London


"Jeder Bauer in Georgien hat Bücher, die er liest und liebt und auswendig kann. Die Georgier lieben Gedichte. Ich kann mich nicht erinnern, bei einem deutschen oder österreichischen Bauern prall gefüllte Bücherregale gesehen zu haben, mit Werken der Weltliteratur."

Clemens Eich, österreichischer Schriftsteller, 1996


1882 - 1962   Grigol Robakidze
     
     
     
     
     
     
     

Ära Gamsachurdia

Swiad Gamsachurdia wurde am 26. Mai 1991 mit 86 % der Stimmen zum ersten Präsidenten Georgiens gewählt. Seine Politik wurde innenpolitisch zunehmend sprunghaft und autoritär, außenpolitisch ging er auf Konfrontationskurs mit Russland. Er ließ sich mit diktatorischen Vollmachten ausstatten, verhaftete Oppositionsführer. Nationalisten und Reformisten vereinten ihre Kräfte in einer Anti-Gamsachurdia-Koalition. Die angespannte Situation wurde durch die wachsende Macht verschiedener paramilitärischer Gruppen verschärft. Am 22. Dezember 1991 organisierten paramilitärische Gruppen und Teile der Nationalgarde unter Tengis Kitowani und Dschaba Iosseliani mit russischer Unterstützung einen Militärputsch, belagerten Gamsachurdia und die Präsidialgarde im Parlamentsgebäude in der Innenstadt von Tiflis. Nach offiziellen Schätzungen starben dabei zwischen 100 und 1.000 Menschen, nach inoffiziellen Schätzungen rund 2.000. Gamsachurdia konnte seinen Gegnern entkommen, flüchtete mit seiner Familie und rund 200 bewaffneten Anhängern im Januar 1992 zunächst nach Armenien, dann nach Sochumi und schließlich nach Grosny in Tschetschenien.

Die siegreichen Streitkräfte luden Eduard Schewardnadse im März 1992 ein, Vorsitzender eines neugebildeten Staatsrates zu werden. Er gab dem Staatsstreich ein moderates Antlitz und Georgien neues Ansehen. Im August 1992 eskalierte ein Konflikt mit separatistischen Kräften in Georgiens Autonomer Republik Abchasien. Tiflis entsandte die Nationalgarde und paramilitärische Verbände, um die separatistischen Aktivitäten zu unterbinden. Die Separatisten wehrten sich mit Hilfe der Gruppe der Russischen Streitkräfte in Transkaukasien und im September 1993 erlitten die Regierungsstreitkräfte eine katastrophale Niederlage. Die gesamte georgische Bevölkerung wurde aus der Autonomen Republik vertrieben. Rund 50.000 Menschen starben und etwa 200.000 mussten fliehen.

Ethnische Gewalttätigkeiten flammten auch in Südossetien auf, wurden dort schließlich unterdrückt. Das kostete mehreren hundert Menschen das Leben und viele Georgier und Osseten flohen aus dem Gebiet. Als Folge wurden 1992 UN-Friedenstruppen in die abtrünnigen Gebiete entsandt, denen auch 2000 russische Soldaten angehören. Im Südwesten Georgiens kam die Autonome Republik Adscharien unter die Kontrolle von Aslan Abaschidse, der die Republik von 1991 bis zu seinem Rücktritt 2004 wie ein persönliches Fürstentum führte, in dem Tiflis nur wenig Einfluss hatte.

Am 24. September 1993, am Ende des Abchasienkonflikts, kehrte Swiad Gamsachurdia aus dem Exil zurück, um einen Aufstand gegen die Regierung zu organisieren. Seine Anhänger konnten Nutzen aus der Unordnung der Regierungsstreitkräfte ziehen und überrannten einen großen Teil Westgeorgiens. Russland war alarmiert. Einheiten der russischen Armee wurden nach Georgien entsandt, um der Regierung zu helfen. Gamsachurdias Rebellion brach schnell in sich zusammen. Er starb am 31. Dezember 1993 nachdem er von seinen Gegnern in die Enge getrieben worden war. Schewardnadses Regierung schloss sich als Preis für die erfahrene militärische und politische Unterstützung gegen starke Strömungen in Georgiens öffentlicher Meinung im März 1994 der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) an. 1995 sicherte er Russland die Überlassung von drei Militärbasen in Georgien auf die Dauer von 20 Jahren zu.


Ära Schewardnadse

Im August 1995 entging Schewardnadse einem Bombenattentat auf seine Regierungslimousine. Er gab die Schuld dafür seinen bisherigen paramilitärischen Alliierten und ließ den Militärführer Dschaba Iosseliani verhaften. Die paramilitärische Miliz Sakartwelos Mchedrioni wurde als Mafiaverband aufgelöst. Im Oktober setzte die Mehrheit der Georgier in einer Volksabstimmung eine moderne westliche Verfassung in Kraft, die Grundfreiheiten und Demokratie garantierte. Im November des gleichen Jahres gewann Schewardnadse die Präsidentschaftswahlen mit 70 % der Stimmen.

Die Ära Schewardnadse war durch enge Beziehungen zu den USA, regelmäßige Reibungen mit Russland, ein Ansteigen der Korruption und wirtschaftliche Stagnation geprägt. Der Präsident nutzte die geopolitische Lage Georgiens als Transitland für Öl vom Kaspischen Meer, um als Partner der USA und Westeuropas von Russland unabhängiger zu werden und internationale Hilfsleistungen für Georgien zu gewinnen. Er unterschrieb eine strategische Partnerschaft mit der NATO, fand Aufnahme im Europarat und erklärte den Wunsch, sowohl der NATO wie auch der Europäischen Union beitreten zu wollen. 1996 nahm das Verfassungsgericht seine Arbeit auf, 1997 wurde die Todesstrafe abgeschafft. Bei den zweiten demokratischen Parlamentswahlen im Oktober 1999 errang Schewardnadses Bürgerunion die absolute Mehrheit.

Die USA wurden zum stärksten Geberland Georgiens für wirtschaftliche und militärische Hilfen. Schewardnadse sicherte seinem Land das drei Milliarden Dollar schwere Investitionsprojekt einer Ölpipeline von Aserbaidschan in die Türkei, die so genannte Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC). Im Mai 2002 entsandten die USA mehrere hundert Militärausbilder, um die georgische Armee zu befähigen, gegen tschetschenische und islamische Partisanen im Grenzgebiet zu Russland zu kämpfen.

Das führte zu Spannungen mit Russland, das Georgien nach wie vor als sein Einflussgebiet betrachtet. Es nutzte die ihm zugewandten Sezessionsgebiete Abchasien, Südossetien und Adscharien, um Druck auf Georgien auszuüben. Von den vier aus sowjetischen Zeiten stammenden Militärbasen wurden zwei, Wasiani und Gudauta, im Sommer 2002 aufgelöst. Zugleich verzögerte Russland den 1999 in Istanbul vereinbarten Truppenabzug aus den Militärbasen in Batumi und Achalkalaki.

Innenpolitisch verließ sich Schewardnadse auf das zu Sowjetzeiten erlernte politische Instrumentarium. Unmittelbar nach seiner Wahl 1995 berief er Vertreter der früheren Nomenklatura in Schlüsselstellungen der Regierung. Reformer erhielten vergleichsweise einflusslose Ämter. Die Ex-Nomenklatura teilte das lukrative Staatseigentum unter sich auf, zahlte dafür nur geringe Kaufsummen. Allmählich bildete sich um den Präsidenten eine mafiose Clanstruktur, gegen die keine anderen staatlichen Institutionen vorzugehen wagten.

Wirtschaftlich führte dieser Weg in die Stagnation. Der erwartete Aufschwung blieb aus. Kleine und mittelständische Firmen wurden zugunsten von Unternehmen, die von Regierungsmitgliedern geführt wurden, vom Markt gedrängt. Ausländische Investoren wurden zugunsten von Clan-Firmen benachteiligt. Internationale Hilfe in Milliardenhöhe, die bestimmt war, die georgische Wirtschaft anzuschieben, versickerte in den Taschen einiger weniger. Transparency International zählte Georgien zu den zehn korruptesten Ländern der Welt.

Parlamentspräsident Surab Schwania forderte Schewardnadse im August 2001 in einem offenen Brief auf, der Korruption ein Ende zu bereiten. „Lehrer verdienen 15 Euro im Monat, während Minister sich im Zentrum von Tiflis Paläste errichten“, empörte sich Schwania: „Das überschreitet alle Grenzen des Zynismus.“ 2003 stellte der Internationale Währungsfonds wegen des unordentlichen Staatshaushalts seine Unterstützung für Georgien ein. Darüber hinaus zerfiel zwischen Herbst 2001 und Sommer 2002 die Fraktion der Regierungspartei, die eine absolute Mehrheit im Parlament hatte, in mehrere Gruppen.

Hatte Schewardnadse noch zu den Präsidentschaftswahlen im April 2000 eine große Mehrheit gewinnen können, kam es im Herbst 2001 in Tiflis zu einem handfesten Aufstand. Auslöser war eine Razzia bei der regierungskritischen Fernsehstation Rustawi-2. Rund 5.000 Menschen gingen unter Führung des früheren Justizministers Micheil Saakaschwili auf die Straße und forderten eine Ablösung des Präsidenten. Schewardnadse musste nachgeben und entließ seinen Innenminister und den Geheimdienstchef.

2002 formierte sich die politische Opposition in zwei neuen Parteien, der Nationalen Bewegung Micheil Saakaschwilis und den Vereinigten Demokraten Surab Schwanias. Zu den Parlamentswahlen am 2. November 2003 schloss sich Parlamentspräsidentin Nino Burdschanadse den Reformern an, um die Regierung abzulösen.


Rosenrevolution 2003

Die Parlamentswahl vom 2. November 2003 wurde erst nach mehreren Wochen Streit von der Wahlkommission bestätigt. Präsident Schewardnadse wurde nach Bekanntgabe der Ergebnisse von der Opposition massiver Wahlbetrug vorgeworfen, auch die USA und weitere ausländische Wahlbeobachter kritisierten die Abstimmung. Am Tag vor dem 22. November gab der Sicherheitschef des Landes Wahlbetrug zu, was die Opposition enorm bestärkte. Am 22. November fand die erste Sitzung des neuen Parlaments statt; sie wurde von Abgeordneten der Opposition boykottiert.

Schon in der Nacht zum 22. November 2003 hatten sich Demonstranten vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis versammelt; ihre Anzahl schwoll zum Nachmittag hin auf über 100.000 an. Sie forderten den Rücktritt von Präsident Schewardnadse, und noch während der Eröffnungsrede des Präsidenten stürmten sie unter Führung von Oppositionsführer Micheil Saakaschwili in den Sitzungssaal. Die Sicherheitskräfte vor dem Gebäude ließen die Demonstranten ungehindert passieren. Schewardnadse flüchtete aus dem Gebäude und die Opposition sprach von einer samtenen Revolution in Georgien.

Saakaschwili kündigte an, im Falle einer Präsidentschaft Georgien nach westlichem Vorbild in eine Demokratie zu wandeln und umfassende Wirtschaftsreformen durchzuführen. Die Oppositionspolitikerin und Parlamentspräsidentin Nino Burdschanadse übernahm auf Grundlage der Verfassung kommissarisch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Beide forderten Neuwahlen.

Russland ließ seine in Georgien stationierten Truppen in den Kasernen und schickte noch am Abend des 22. November 2003 seinen Außenminister Igor Iwanow in das Kaukaususland. Die Staaten der GUS kritisierten zunächst offiziell das Vorgehen der Opposition.

Am Abend des 22. November 2003 rief Präsident Schewardnadse den Ausnahmezustand aus und forderte das Parlament auf, diesen innerhalb von 48 Stunden zu bestätigen, da er sonst dem Militär die Leitung übergeben werde. Er befand sich seit der Flucht aus dem Parlamentsgebäude jedoch schon außerhalb von Tiflis in einer Residenz.

Am Morgen des 23. November 2003 fand ein Vermittlungsgespräch der Opposition mit Igor Iwanow statt, am Nachmittag traf sich Iwanow dann auch mit Schewardnadse. Am Nachmittag liefen zwei Minister, darunter der Sicherheitschef, sowie Teile der Nationalgarde zur Opposition über. Am Abend erklärte Schewardnadse seinen Rücktritt.

Parlamentspräsidentin Burdschanadse setzte Surab Schwania als amtierenden Staatsminister ein, der die Geschäfte des Regierungschefs bis zur Neuwahl des Parlaments führen sollte.


Ära Saakaschwili

Am 4. Januar 2004 gewann Micheil Saakaschwili die Präsidentschaftswahlen mit einem Erdrutschsieg von 96 % der Stimmen. Für wichtige Reformfelder holte er erfolgreiche Auslandsgeorgier als Minister ins Land. Energisch ging er gegen die Korruption im Lande vor. Bestechliche Beamte wurden verhaftet, mussten ihr Eigentum dem Staat übergeben. Georgien stieg im Korruptionswahrnehmungsindex der Transparency International vom Platz 133 im Jahr 2004 auf Platz 67 im Jahr 2008 und weiter auf Platz 51 im Jahr 2012 und überholte dabei mehrere EU-Länder, darunter Italien, Lettland und Tschechien. Dabei ist die bis dato allgegenwärtige Alltagskorruption ("petty corruption") praktisch verschwunden.

Die Privatisierung des staatlichen Sektors wurde vorangetrieben. Durch konsequente Reformen gingen die Staatsschulden 2004 erstmals zurück. Es gelang Saakaschwili, den adscharischen Machthaber Aslan Abaschidse zu vertreiben und Adscharien mit Georgien wiederzuvereinen.

Am 3. Februar 2005 starb Ministerpräsident Surab Schwania an einer Gasvergiftung durch Kohlenmonoxid. Obgleich Polizei, Staatsanwaltschaft und FBI von einem Unfalltod sprachen, bezweifelten Angehörige diese Version und behaupteten, dafür Beweise zu haben.

Der Frieden in den sezessionistischen Gebieten Abchasien und Südossetien, von russischen und UN-Friedenstruppen kontrolliert, blieb zerbrechlich. Es kam mehrfach zu militärischen Konfrontationen. Präsident Saakaschwili legte am 22. September 2004 vor der UN-Generalversammlung einen Drei-Stufen-Plan zur Beilegung der Regionalkonflikte vor. Die Beziehungen zu Russland blieben problematisch, weil starke Gruppierungen in Moskau Georgien unverändert als Vasallenstaat betrachten. Russisches Druckmittel ist die Unterstützung der sezessionistischen Regierungen in Abchasien und Südossetien.

Georgien blieb ein nach europäischen Maßstäben sehr armes Land. Investitionen sind nur schwer ins Land zu holen. Die georgische Regierung hat sich gegenüber dem Internationalen Währungsfonds und der Weltbank zu wirtschaftlichen Reformen verpflichtet und setzt auf die Eröffnung der Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline und die Wiederbelebung der alten Seidenstraße als eines eurasischen Korridors. Georgien soll eine Brücke für den Transit von Gütern zwischen Europa und Asien werden. Saakaschwili hat angekündigt, die Staatsfinanzen zu sanieren, Löhne und Renten zu erhöhen. Außerdem führte er eine neue Flagge (deren mittelalterlich-christliche Symbolik den orthodoxen Glauben als Grundlage der georgischen Identität herausstreichen soll) und eine Hymne ein.

Am 6. August 2007 kam es laut der georgischen Seite zu einem angeblichen Luftzwischenfall durch ein russisches Kampfflugzeug vom Typ Su-34. Die Maschine soll in den georgischen Luftraum eingedrungen und eine Luft-Boden-Rakete nahe dem Ort Zitelubani, 65 km nördlich der Hauptstadt Tiflis, abgefeuert haben. Der Flugkörper schlug allerdings auf, ohne dass der Gefechtskopf explodierte. Nach georgischen Angaben war das Ziel der Rakete die Radarstation nahe der Stadt Gori. Laut Experten aus den USA, Schweden, Lettland und Litauen, welche die Raketentrümmer untersuchten, handelte es sich um Bauteile der russischen Antiradarrakete Ch-58 (NATO-Codename AS-11 Kilter), welche die Luftwaffe Georgiens mit ihren Flugzeugen nicht hätte einsetzen können. Dies wird jedoch von russischen Experten bestritten. Georgien beantragte aufgrund des Zwischenfalls eine Sitzung des UN-Sicherheitsrates, zu der es aber aufgrund mangelnder Beweise nie kam.

In der Nacht zum 8. November 2007 verhängte Präsident Saakaschwili nach mehrtägigen Massendemonstrationen der Opposition für 15 Tage den Ausnahmezustand über das Land. Die Anordnung sei eine Reaktion auf einen Putschversuch, sagte Ministerpräsident Surab Noghaideli. Gleichzeitig warf die georgische Regierung russischen Agenten vor, die Unruhen zu schüren. Die Proteste der Regierungsgegner richten sich gegen den ihrer Meinung nach autoritären Regierungsstil des Präsidenten. Sie werfen Saakaschwili, dem Anführer der Reformbewegung von 2003, außerdem eine Instrumentalisierung der Justiz sowie eine Vergrößerung der Kluft zwischen Arm und Reich vor. Am Nachmittag desselben Tages verkündete Präsident Saakaschwili, dass er für den 5. Januar 2008 die geforderten Neuwahlen durchführen lassen möchte. Es war unklar, wer die Wahl gewinnt, da die zwölf Oppositionsparteien zwar zerstritten waren, zu der Zeit aber über einen gemeinsamen Kandidaten verhandelten. Nach Bekanntgabe des vorgezogenen Wahltermins wurden die Protestkundgebungen eingestellt. Das Parlament bestätigte unter Abwesenheit der Oppositionsparteien am 7. November den Ausnahmezustand, so dass er bis zum 22. November aufrechterhalten werden konnte.

Am 16. November 2007 wurde der bisherige Ministerpräsident Noghaideli von seinen Pflichten entbunden. Neuer Premier wurde der Banker Lado Gurgenidse. Er wurde am 22. November vom Parlament in seinem Amt bestätigt. Präsident Saakaschwili trat am 25. November zurück, um den Weg für Präsidentschafts-Neuwahlen frei zu machen.

Am 9. Januar 2008 wurde der erneute Wahlsieg Micheil Saakaschwilis mit einer Mehrheit von 52,21 % bestätigt, damit kehrte er in sein Amt zurück. Erneut war in Georgien von Wahlbetrug die Rede. Während die offizielle Version den langwierigen, vier Tage andauernden Auszählungsprozess mit technischen Problemen und einem starken Wintereinbruch begründet, sprach Oppositionsführer Lewan Gatschetschiladse von Betrug. Auch die Parlamentswahlen am 21. Mai brachten einen Sieg der Vereinten Nationalen Bewegung von Präsident Saakaschwili, die offiziell 59,2 % der Stimmen erhielt. Seine Gegner sprachen erneut von Wahlbetrug. Ein von der georgischen Bevölkerung in einem Referendum am 5. Januar 2008 mit 72,5 % befürworteter NATO-Beitritt des Landes wurde auf dem NATO-Gipfel in Bukarest im April 2008 von den Staat- und Regierungschefs der Allianz zwar langfristig in Aussicht gestellt, jedoch auf Initiative von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy von einem Ende der territorialen Spannungen um Südossetien und Abchasien abhängig gemacht.

Im August 2008 kam es im Kaukasus-Konflikt 2008 zu militärischen Auseinandersetzungen zunächst mit südossetischen Separatisten, in der Folge mit Russland. Russische Streitkräfte drangen dabei auf das georgische Staatsgebiet bis zu den Städten Gori und Poti vor, zerstörten Luftwaffen- und Marinestützpunkte und unterbrachen die Hauptverkehrsadern. Im Anschluss an den Konflikt erkannte Russland die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens an. Russland wollte die beiden Gebiete ab 2014 in die Eurasische Union aufnehmen. Dazu wäre es nötig, dass Weißrussland, Kasachstan und Armenien die Unabhängigkeit dieser Gebiete ebenfalls anerkennen, was sie in eine offene Konfrontation mit Georgien brächte.